Die WIR-Koordinierenden der Stadt Hanau und ihre Erfahrungen bei der Ausstellungskonzeption
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Melina Schmidt, WIR-Koordinatorin und Projektmitarbeiterin im Team Haus für Demokratie und Vielfalt (HDV), Schwerpunkt Vielfaltsorientierte Öffnung der Verwaltung
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Mustafa Kaynak, WIR-Koordinator und Projektmitarbeiter im Team Haus für Demokratie und Vielfalt (HDV), Schwerpunkt Willkommens- und Anerkennungskultur
Wie und mit wem wurde die Ausstellung konzipiert?
In Hanau entsteht derzeit mit dem Haus für Demokratie und Vielfalt (HDV) eine zentrale Anlaufstelle für Demokratiebildung, gesellschaftliche Vielfalt und Begegnung. In Erinnerung an den rassistischen Anschlag vom 19. Februar 2020 entsteht mit dem HDV ein Ort mit Haltung, der ein klares Zeichen gegen Rassismus und Ausgrenzung setzt, bei dem u.a. auch das WIR-Programm angesiedelt ist. Hier wurde das Projekt federführend von uns und dem HDV-Team entwickelt.
In enger Abstimmung und einigen Überarbeitungsschleifen entstand die Ausstellung Schritt für Schritt. Unser Ziel war dabei, die Geschichten und Persönlichkeiten der Interviewten möglichst authentisch und wertschätzend darzustellen, sodass Besuchende einen echten Einblick in ihre Erfahrungen erhalten.
Warum ist die Ausstellung als Wanderausstellung konzipiert?
Die Ausstellung ist bewusst als Wanderausstellung konzipiert, um möglichst viele Menschen zu erreichen, auch diejenigen, die normalerweise nicht ins Rathaus kommen. Sie wird an ganz unterschiedlichen Orten gezeigt, von Schulen über Moscheegemeinden bis hin zu Verwaltungsstellen, und macht so die Geschichten der Interviewten einem breiten Publikum zugänglich. Gleichzeitig bietet das Format die nötige Flexibilität, die Ausstellung bei Bedarf zu erweitern. Hanau ist eine Stadt mit einer vielfältigen Zivilgesellschaft, in der über 140 Nationen vertreten sind. Es warten noch viele spannende Menschen, die die Entwicklung der Stadt in der Vergangenheit geprägt haben und auch in Zukunft prägen werden.
Das Haus für Demokratie und Vielfalt befindet sich derzeit in einer Pilotphase, in der viele unterschiedliche Beteiligungsformate erprobt werden. Im Rahmen dieser Arbeit leistet das HDV aufsuchende Arbeit, bringt die Ausstellung in verschiedene Kontexte und ermöglicht so den Austausch mit möglichst vielen Menschen. Auf diese Weise können die Geschichten der porträtierten Personen weit über die Stadtgrenzen hinaus sichtbar gemacht und die Bedeutung von Begegnung und Dialog nachhaltig vermittelt werden.
Welche Hürden gab es?
Bei der Umsetzung des Projekts gab es verschiedene Hürden. Ein Thema war die Sprache, da einige der Interviewten zwar Deutsch sprechen, sich sehr persönliche Geschichten aber besser in ihrer Muttersprache erzählen lassen, um Gefühle und Nuancen richtig zu transportieren. Außerdem stellte die technische Aufbereitung der Interviews eine Herausforderung dar, insbesondere die Transkription und das Herausarbeiten der zentralen Aussagen aus teilweise mehrstündigen Gesprächen.
Die Terminplanung für die Porträtaufnahmen erforderte präzise Kommunikation und kontinuierliche Absprachen, da einige der Personen noch oder wieder in der Türkei waren, etwa für Familienbesuche oder längere Urlaubsaufenthalte. Hinzu kamen koordinative Herausforderungen gegen Ende des Projekts, um den angestrebten Zeitplan mit Ausstellungseröffnung im Januar 2026 einhalten zu können.
Dank guter Teamarbeit ließen sich diese Hürden aber allesamt meistern.
War es schwierig, ein Budget zu erhalten?
Die Ausstellung ist Teil des Gesamtkonzepts des Hauses für Demokratie und Vielfalt. Die vorhandenen Mittel konnten genutzt werden, um das Projekt umzusetzen, und perspektivisch soll die Ausstellung auch dauerhaft dort ihren Platz finden. Damit wird sichergestellt, dass die Geschichten der porträtierten Personen langfristig sichtbar bleiben und das Projekt über den ursprünglichen Anlass hinaus weiterwirken kann.
Für die Stadt Hanau war es zudem von Beginn an wichtig, mit dem Projekt Wertschätzung für die Lebensleistungen der ersten Generation auszudrücken. Die Stadt versteht Vielfalt als festen Bestandteil des gesellschaftlichen Zusammenhalts und sah die Mittel daher als sinnvoll investiert an.
Wie lange dauerte der Prozess insgesamt? (bitte vielleicht in einzelne Schritte unterteilen)
Der gesamte Prozess erstreckte sich über mehrere Monate und gliederte sich in verschiedene Phasen.
Im Frühjahr 2025 entwickelten wir zunächst den Leitfaden mit den Interviewfragen. Die Gespräche selbst fanden zwischen Mai und Juli statt.
Nach der Sommerpause planten wir mehrere Tage für die Portraitaufnahmen ein. Die Teilnehmenden konnten den Ort selbst auswählen, an dem sie fotografiert werden wollten. Es handelte sich dabei um Orte, die sie persönlich mit Hanau verbinden, darunter zum Beispiel der Marktplatz, Schloss Philippsruhe oder eine Moschee.
Die Fotoaufnahmen wurden im Oktober umgesetzt. Im Anschluss sichtete und bearbeitete eine externe Agentur das Bildmaterial. Parallel dazu transkribierten und übersetzten wir die Interviews, da einige Gespräche ganz oder teilweise in türkischer Sprache geführt wurden. Anschließend bereiteten wir die Inhalte redaktionell auf, um die zentralen Aussagen und Themen herauszuarbeiten.
Bereits im November wurden erste Teile der Ausstellungswände und Portraits gedruckt, da die Ausstellung noch vor ihrer offiziellen Eröffnung in kleinerem Rahmen an verschiedenen Orten gezeigt werden sollte, etwa im Rahmen von Kultur- oder Sportveranstaltungen, um erste Einblicke zu ermöglichen.
Parallel dazu begann die Korrekturphase der Broschüre, die mit sehr viel Sorgfalt und Herzblut für das Projekt gestaltet wurde. Noch vor Weihnachten wurden schließlich die Broschüren, die weiteren Fotografien sowie die Stelen und übrigen Ausstellungselemente fertiggestellt. Gleichzeitig wurden die Einladungen zur Ausstellungseröffnung verschickt. Diese fand Mitte Januar 2026 in feierlichem Rahmen im Neustädter Rathaus statt. Die Ausstellung war anschließend zwei Wochen lang für die Öffentlichkeit zugänglich.
Wieso 21 Personen und wie haben Sie die 21 Personen ausgewählt?
Die Anzahl der Personen hat sich im Grunde zufällig ergeben. Um ein möglichst breites Abbild der türkischen Community in Hanau zu zeigen, hatten wir uns vorgenommen, mindestens 20 Personen darzustellen. Dass es schließlich 21 Personen wurden, hat sich im Laufe des Prozesses ergeben.
Bei der Auswahl war es uns wichtig, die Vielfalt innerhalb der Community sichtbar zu machen. Wir haben unterschiedliche Glaubensrichtungen berücksichtigt, darunter sunnitisch, schiitisch, alevitisch und kurdisch, ebenso wie verschiedene Lebenssituationen, von Ehepaaren über Alleinstehende bis zu verwitweten Personen. Auch politische und gesellschaftliche Haltungen flossen in die Auswahl ein. So entstand ein buntes und vielschichtiges Bild der Community.
Alle Teilnehmenden kannten unseren WIR-Koordinator Mustafa Kaynak bereits, sei es durch gemeinsame Bekanntschaften oder über die Kontakte seiner Eltern. Dadurch gestaltete sich die Vernetzung unkompliziert und vertrauensvoll, was besonders für die Intimität der persönlichen Interviews ein großer Vorteil war.
Es wurden Interviews geführt, warum haben Sie diese Form gewählt? Wie lange dauerten diese?
Andere Menschen lernt man am besten im Gespräch kennen. Wir sind überzeugt, dass der Austausch über unterschiedliche Lebensrealitäten hinweg ein wichtiger Beitrag zu Perspektivwechseln und zum Abbau von Vorurteilen ist. Interviews kommen diesem persönlichen Austausch am nächsten und ermöglichen einen unmittelbaren Einblick in die Erfahrungen der Beteiligten.
Neben vielen intensiven und ernsten Themen gab es dabei immer wieder auch Momente, die uns zum Schmunzeln brachten. So erzählte einer der türkischen Herren, dass ihm vor seiner Ankunft in Deutschland zu Ohren gekommen sei, es gebe hier keinen Tee. Aus Sorge brachte er kurzerhand einen ganzen Koffer voller Tee mit. Solche Geschichten lockerten die Gespräche auf und zeigten, mit welchen Vorstellungen und Unsicherheiten viele ihren Weg nach Deutschland antraten.
Erst durch die Verbindung persönlicher Anekdoten mit den fotografischen Portraits konnten wir Besucherinnen und Besuchern eine Form des Austauschs eröffnen, die über Bilder oder schriftliche Zitate allein nicht möglich gewesen wäre. Die Gespräche dauerten in der Regel zwischen 45 und 60 Minuten.
Was möchten Sie anderen Engagierten aus dem Projekt mit auf den Weg geben?
Eine Erfahrung, die wir unbedingt weitergeben möchten, ist die Dankbarkeit und Herzlichkeit der Interviewten und ihrer Familien. Bei der Eröffnungsveranstaltung der Ausstellung war die Wärme im Raum spürbar. Das Projekt hat einmal mehr gezeigt, wie bereichernd Vielfalt ist und wie wichtig es ist, Brücken zwischen Kulturen zu bauen. Integration bedeutet dabei immer eine Bereicherung und niemals einen Verlust.
Für alle, die ein ähnliches Projekt umsetzen möchten, ist eine sorgfältige Zeitplanung mit ausreichend Puffer entscheidend. Gerade bei so vielen Beteiligten kann es vorkommen, dass Termine verschoben oder abgesagt werden. Auch organisatorische Aspekte wie die Zeit für den Druck der Broschüre oder die Anfertigung der Porträts sollten frühzeitig berücksichtigt werden. Hilfreich ist zudem, eine Person im Team zu haben, die über Kontakte zur Zielgruppe verfügt. Abschließend möchten wir allen Kommunen Mut machen, ein solches Projekt anzugehen. Es lohnt sich und bereitet wirklich viel Freude!
Die WIR-Koordinierenden freuen sich über Ihre Fragen!
Kontakt:
Haus für Demokratie und Vielfalt (HDV)
Steinheimer Straße 1 (2. OG)
63450 Hanau
Melina.Schmidt@hanau.de
06181-2950 6940
Mustafa.Kayank@hanau.de
06181- 2950-6938
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