Gütesiegel
Gütesiegel „Interkulturelle Vielfalt LEBEN"
Wie Stadt und Kreis Marburg Vielfalt auszeichnen und dadurch andere WIR-Zentren inspirieren können:
Vielfalt ist keine Floskel, sondern gelebte Praxis – das zeigt das Gütesiegel „Interkulturelle Vielfalt LEBEN", das die Universitätsstadt Marburg und der Landkreis Marburg-Biedenkopf gemeinsam vergeben. Ausgezeichnet werden Unternehmen, Verwaltungen und freie Träger, die zeigen, wie kulturelle Vielfalt am Arbeitsplatz wirklich funktioniert – nicht auf dem Papier, sondern im Alltag.
Entstanden ist das Siegel 2019 in einem waschechten Gemeinschaftsprojekt: Prof. Dr. Susanne Maria Weber von der Philipps-Universität Marburg hat es gemeinsam mit der Stadt und zahlreichen Fachleuten aus Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft entwickelt. Bewertet wird anhand von sechs Modulen – von "Ankommen im Betrieb" bis "gesellschaftliches Engagement" – und wer besonders punktet, sammelt bis zu sechs Sterne.
Mittendrin statt nur dabei: das WIR-Vielfaltszentrum Marburg. Seit 2014 im Referat für Gleichberechtigung, Vielfalt und Antidiskriminierung der Stadt zu Hause, hält das Zentrum beim Gütesiegel die Fäden zusammen – organisiert Bewerbungsverfahren, koordiniert Vernetzungsworkshops und ist erste Anlaufstelle für alle Fragen rund um die Auszeichnung.
„Voneinander lernen statt nebeneinander arbeiten – die Stärke des Gütesiegels liegt im Austausch“
Von Anfang an dabei ist Dr. Christine Amend-Wegmann, in deren Bereich Gleichstellung, Vielfalt und Erwachsenenbildung zusammenlaufen. Die Fachbereichsleiterin der Stadt Marburg hat das Gütesiegel mitentwickelt. Wir haben mit Dr. Amend-Wegmann über die Entstehung des Siegels gesprochen - über seine Wirkung und darüber, warum Vernetzung am Ende oft wichtiger ist als die Urkunde selbst.
Wie kam es zur Idee, das Gütesiegel einzuführen?
Ausgangspunkt war der Runde Tisch Integration, an dem wir ein Integrationskonzept für die Stadt entwickelt haben. Dabei ist uns aufgefallen: Aus dem Bereich Arbeitswelt fehlte fast jegliche Beteiligung. Das wollten wir ändern und haben Arbeitgebende und Arbeitsuchende an einen Tisch geholt. Der erste Aufschlag war überraschend leicht: Alle sind gekommen. Daraus ist das Gütesiegel entstanden mit Workshops, Beteiligungsformaten und einem internen Prüfverfahren. Das hat rund anderthalb Jahre gedauert. 2018 gab es dann die erste Ausschreibung und 2020 die erste Preisverleihung.
Wie hat sich das Gütesiegel seitdem entwickelt?
Sehr positiv. 2021 hatten wir 12 Bewerbungen, 2022 waren es 14, 2023 und 2024 jeweils 21. In diesem Jahr sind es 33 Bewerbungen. Bewertet wird in Modulen, für die es jeweils bis zu sechs Sterne gibt. Anfangs hatten wir Sorge, dass niemand diesen Aufwand mitmacht – aber das Gegenteil war der Fall, das Konzept hat sich bewährt. Die feierliche Verleihung findet dieses Jahr am 20. Oktober statt.
Was erleben Sie bei den Unternehmen, die sich bewerben?
Der Bewerbungsprozess verlangt einiges an Selbstreflexion und genau das ist wertvoll. Es geht um ein respektvolles Miteinander, um die Perspektive der Menschen und ihre Voraussetzungen – und um einen stetigen Entwicklungsprozess, den die Bewerbung anstößt. Beeindruckend ist auch, wie vielfältig die teilnehmenden Organisationen sind: vom kleinen Friseursalon über die Sparkasse Marburg-Biedenkopf bis zum Universitätsklinikum Marburg, der Diakonie oder einem Elektrofachbetrieb. Diese Branchenvielfalt macht das Netzwerk besonders stark.
Welche Rolle spielt dabei das WIR-Vielfaltszentrum?
Eine ganz Entscheidende: Dort wird die Vernetzung gepflegt und dort ist das Gütesiegel im Grunde mitentstanden. Dr. Andrea Wagner als WIR-Koordinatorin ist ein zentraler Motor für das Siegel. Ohne das WIR-Vielfaltszentrum hätten wir es so nicht aufbauen können, denn ohne die Kontakte des Zentrums wäre die Vernetzung nicht in dieser Form gelungen.
Worauf sind Sie besonders stolz?
Auf die Vernetzung. Das ist ein eigenes Modul und eine Besonderheit unseres Gütesiegels: Wir schauen nicht nur auf das Engagement, sondern auch darauf, ob eine Organisation in der Vernetzung selbst eine führende Rolle übernimmt. Von Anfang an gab es dazu thematische Austausch-Workshops – anfangs drei, mittlerweile zwei im Jahr, teils auch offen für externe Interessierte. Der direkte Austausch hat enorm zur Qualität beigetragen: Man lernt voneinander, zum Beispiel wer beim Thema Ankommen die richtigen Ansprechpartner sind.
Wo stößt das Gütesiegel an Grenzen?
Die größte Hürde ist tatsächlich das Ausfüllen der Bewerbung – das ist anspruchsvoll und mit echtem Aufwand verbunden, weil alles belegt werden muss. Dr. Wagner begleitet die Organisationen dabei aber sehr geduldig und unterstützt, wo es hakt.
Ist das Modell auf andere Kommunen übertragbar?
Absolut. Die Auswertung liegt bei der Universität, aber grundsätzlich sind die Module einseh- und übertragbar. Mit fortschreitender Digitalisierung hoffen wir zudem, das Bewertungsverfahren perspektivisch zu vereinfachen.
Wo steht Marburg in fünf Jahren, wenn es um gelebte Vielfalt geht?
Unsere Vision ist, die Idee auf ganz Mittelhessen auszuweiten – dass die Region insgesamt für Weltoffenheit und einen vielfältigen Arbeitsmarkt steht, der Menschen anzieht. Mit dem Regionalmanagement Mittelhessen sind wir dazu bereits im Gespräch.
Und der bewegendste Moment in dieser Arbeit?
Ein abschließender Workshop mit einer sehr großen, bunt gemischten Runde, in der alle mit so viel Herzblut an diesem Instrument mitgearbeitet haben. Und ehrlich gesagt: Jede Preisverleihung ist wieder so ein Moment.
Gütesiegel-Workshop
Der nächste Gütesiegel-Workshop findet voraussichtlich am 25. November 2026 von 13:15 bis 16:30 Uhr im Kultur- und Freizeitzentrum Marburg (KFZ) statt. Organisationen, die das Gütesiegel bereits erlangt haben, nehmen hier teil, geben ihr Wissen an neue, interessierte Organisationen weiter und profitieren umgekehrt vom Wissen und der Erfahrung anderer regionaler Partner*innen, um weitere „Sterne” des Gütesiegels erreichen zu können.
Alles über das Gütesiegel und zum Bewerbungsprozess
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"Mein Jetzt mag ich": Der Weg von Mohadese M. zur Bankkauffrau
2018 kam Mohadese M. gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrem Bruder aus dem Iran nach Deutschland. Der Weg nach Deutschland war lang und keineswegs leicht – über mehrere Länder und Wochen hinweg. Am Ende landete die Familie in Hessen, das ihr, wie sie erzählt, als besonders geflüchtetenfreundlich empfohlen wurde. Nach einigen Zwischenstationen kam sie schließlich in einer kleinen Gemeinde nahe Biedenkopf an.
Neustart mit Mathematik und Sprache
Im Iran hatte Mohadese M. einen Master in Mathematik absolviert und arbeitete als Mathematik-Lehrerin. Diese Qualifikationen wurden in Deutschland anerkannt – ein guter Ausgangspunkt für den Neustart. Sie besuchte Deutschkurse und schrieb parallel für eine Zeitung, die sich an Geflüchtete richtete und über Marburg informierte. "Dort habe ich auch mein Deutsch gelernt", erzählt sie. Es folgten erste Jobs auf einer Messe und im Kino – und schließlich die Bewerbung bei der Sparkasse Marburg-Biedenkopf.
Der Sprung in die Ausbildung
Die Sparkasse setzte sich damals aktiv für Mohadese M. ein und ermöglichte ihr über ein eigenes Förderprogramm den Einstieg: zunächst ein Jahr Einstiegsqualifikation mit Sprachförderung, ab August 2019 dann die vollständige Ausbildung zur Bankkauffrau. Seit 2023 ist sie ausgebildete Bankkauffrau – ein Weg, den sie selbst als ihre größte Konstante beschreibt: "Die Sparkasse ist die Hoffnung, die mich getragen hat."
Alltag zwischen zwei Kulturen
Im Kollegium ist Mohadese M. die einzige Iranerin im Team – und genau das macht für sie interkulturelle Vielfalt ganz konkret: "Ich fühle mich nicht wie eine Ausländerin, höchstens über meinen Akzent lache ich gerne selbst." Besonders schön findet sie den Austausch beim Essen: "Wir kochen füreinander und tauschen Rezepte aus." Für sie ist das auch gelebte Kultur: "Ich kann nicht einfach für mich allein essen – ich muss immer fragen, ob jemand mitessen möchte. Das ist bei uns so."
Auch sprachlich gab es Überraschungen, über die sie heute schmunzelt: An ihrem ersten Tag am Bankschalter bat ein Kunde um "elfhundert Euro" – ein Wort, das sie so noch nie gehört hatte. "Eine Kollegin hat mir dann erklärt, dass das einfach umgangssprachlich für 1.100 ist." Wortpaare wie "Forderung" und "Förderung" bringen sie noch heute zum Nachdenken, „welches war denn nun welches?“, ebenso wie die deutschen Artikel: "Der, die, das – das ist wirklich schwer!"
Rückblick mit Stolz
Auf die Frage, wie sie heute auf die Person zurückblickt, die 2018 ankam, antwortet Mohadese M. nachdenklich und stolz zugleich: "Mein Jetzt mag ich. Am Anfang war ich eine Frau, die für nichts verantwortlich sein wollte. Aber heute weiß ich: Wenn etwas passiert, gibt es auch eine Lösung."
Für alle, die gerade neu ankommen, hat sie einen klaren Rat oder Appell: "Gebt die Hoffnung nicht auf – auch wenn es schwierig wird. Es kann sich alles ändern, und manchmal ganz plötzlich."
Gute Ideen verdienen Nachahmer – machen Sie mit!
Sie sind in einer anderen hessischen Kommune tätig und denken: Das brauchen wir auch? Dann nur zu! Das Gütesiegel „Interkulturelle Vielfalt LEBEN" ist kein Marburger Geheimrezept, sondern ein Modell, das sich übertragen lässt – die Grundlagen, das Modulset und die Erfahrungen stehen bereit, um weitergegeben zu werden. Ob Sie das Konzept eins zu eins übernehmen oder an Ihre Region anpassen möchten: Das WIR-Vielfaltszentrum Marburg gibt gerne Einblick in Aufbau, Bewertungslogik und Stolpersteine – aus erster Hand und ohne Umwege.
Ansprechpartnerin für das Projekt
WIR-Koordinatorin Dr. Andrea Wagner
E-Mail: Dr.Andrea.Wagner@marburg-stadt.de
Telefon: 06421 201 1096
"Das Gütesiegel macht sichtbar, was uns wichtig ist: ein respektvoller Umgang auf Augenhöhe, Offenheit für Vielfalt und das gemeinsame Arbeiten an einer gerechten, solidarischen Region."
Ruth Firsching, Geschäftsführung Boßhammersch Hof
„Als Sparkasse Marburg-Biedenkopf schauen wir nicht auf Nationalitäten, sondern auf Menschen. Wir sind uns sicher, dass interkulturelle Vielfalt eine große Bereicherung für uns als Unternehmen ist. Darüber hinaus glauben wir, dass Menschen mit internationalem Hintergrund sehr wichtig für den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolg in unserem Geschäftsgebiet und darüber hinaus sind. Wir freuen uns sehr, zu den Preisträgerinnen zu gehören!“
Silvia Traute, Bereichsleiterin Personal bei der Sparkasse Marburg-Biedenkopf
„Das Marburger Gütesiegel macht unser Engagement für gelebte Vielfalt sichtbar, stärkt unsere Arbeitgeberattraktivität, fördert ein wertschätzendes Miteinander und vernetzt uns regional.“
Jörg Peil, Inhaber Peil Elektrotechnik
Infobox
Kooperationspartner des Gütesiegels „Interkulturelle Vielfalt LEBEN" sind die Universitätsstadt Marburg, der Landkreis Marburg-Biedenkopf sowie die Philipps-Universität Marburg. Zur fachlichen Begleitung tragen außerdem eine fachkundige Jury sowie die teilnehmenden Organisationen selbst über jährliche Vernetzungsworkshops bei.
Finanzierung: Die WIR-Vielfaltszentren werden über das hessische Landesprogramm „WIR – Vielfalt und Teilhabe" des Hessischen Ministeriums für Arbeit, Integration, Jugend und Soziales gefördert. Für die Stadt Marburg und den Landkreis Marburg-Biedenkopf wurden zuletzt Förderbescheide über je 600.000 Euro übergeben, mit denen die Förderperiode bis Ende 2030 gesichert ist und die WIR-Koordinationskräfte für weitere fünf Jahre mitfinanziert werden.
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