MatchIn

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Hessische Landesregierung setzt auf schnellere Integration von Schutzsuchenden per App

Die Teilhabechancen Geflüchteter hängen größtenteils von den lokalen Bedingungen an ihrem neuen Wohnort ab. Doch die individuelle Situation der Schutzsuchenden sowie die jeweiligen Verhältnisse in den aufnehmenden Kommunen können derzeit nur in Ausnahmefällen berücksichtigt werden. Genau hier setzt das Pilotprojekt MatchIn an, das auf einer App basiert: Die fragt sowohl Eigenschaften und Bedürfnisse der Schutzsuchenden als auch lokale Bedingungen in den Kommunen anhand verschiedener Kriterien ab, gleicht sie ab und macht basierend darauf einen Verteilungsvorschlag.

 

Porträt Ministerin Heike Hofmann
Staatsministerin Heike Hofmann, Hessische Ministerin für Arbeit, Jugend, Integration und Soziales ©Paul Schneider / Hessische Staatskanzlei

„Den Integrationsgedanken schon bei der Verteilung Geflüchteter auf die Kommunen soweit wie möglich zu berücksichtigen, kann von entscheidender Bedeutung sein. So wird Verteilung ermöglicht, die die Integration von Beginn an fördert und einen Gewinn für Geflüchtete und Gemeinschaften vor Ort darstellt“.

MatchIn möchte verschiedene Perspektiven zusammenbringen und dabei bestenfalls eine Win-win-win-Situation erzeugen: Kommunen, Schutzsuchende und die zuständigen Landesbehörden sollen profitieren. Damit weist der Match'In-Ansatz einige Besonderheiten im Vergleich zur üblichen Gestaltung eines Pilotprojekts auf.

Nicht nur das Wissen, das im Algorithmus steckt, sondern auch der Prozess zur Durchführung des Projekts wurden gemeinsam, unter Berücksichtigung vieler verschiedener Perspektiven, entwickelt: der der Wissenschaft, der Praxis auf Seiten des Landes und der Kommunen, der von Schutzsuchenden selbst und von ihren Interessensvertretungen sowie von wichtigen Expertinnen und Experten etwa zu besonderen Schutzbedarfen oder zum Datenschutz.

Porträtbild von Frau Bettina Weber
©privat

„Mehr Zufriedenheit auf allen Seiten“

Bettina Weber ist Projektleiterin von MatchIn in Hessen und Referentin für Erstaufnahmeverfahren und Standortkoordination im Hessischen Ministerium für Arbeit, Integration, Jugend und Soziales. Im Interview spricht sie über die Chancen und Besonderheiten, die MatchIn bietet.

Wie ist dieses Projekt entstanden?

In Hessen wurde in der Fachabteilung des HMSI schon 2019 ein Bedarf an Beachtung von individuellen Bedürfnissen bei der Zuweisung von Geflüchteten aus der Erstaufnahme in die Gebietskörperschaften beobachtet. Entsprechend wurde das Ziel der individuellen Zuweisung seitens der Landesregierung verfolgt, das wenig später mit dem Vorhaben der universitären Partner abgeglichen wurde und entsprechend im Mai 2021 als Projekt MatchIn formuliert wurde.

Wie werden die Kommunen eingebunden?

Ausgewählte Gebietskörperschaften in Hessen haben sich im Rahmen einer Fachgruppe an der Entwicklung des Algorithmus beteiligt. Expertinnen und Experten haben die zugrunde liegenden Kriterien vorgeschlagen und final ausgewählt. Parallel haben die Gebietskörperschaften die eigenen Profile mit entsprechenden ergänzenden Daten befüllt. In der Praxis stellt die Aktualisierung der Profile die Basis für den Algorithmus und die Entscheidung bzw. die finale Passung zwischen dem Geflüchteten und der vorgeschlagenen Gebietskörperschaft dar.

Was ist notwendig, dass Kommunen angebunden werden können?

Die Gebietskörperschaften können in einer nächsten Phase ihre Profile hinterlegen, und der Algorithmus muss entsprechend angepasst werden.

KONTAKT
Bettina Weber
Bettina.Weber@hsm.hessen.de
Telefon: 0611 – 3219 2294

Weitere Informationen zum Projekt

Wie beurteilen Sie Selbstbeteiligung und Selbstwirksamkeit einerseits auf Seiten der Kommunen, aber auch auf Seiten der Schutzsuchenden?

Durch die Eingabe der umfangreichen Daten sowohl über die eigenen Vorlieben, Bedürfnisse, Kompetenzen oder Umstände auf Seiten der geflüchteten Person als auch über Gegebenheiten, Angebote, Umstände auf Seiten der Kommune findet auf beiden Seiten ein Reflexionsprozess statt. Die geflüchtete Person lernt dabei Details über Hessen kennen. So wird z.B. der Unterschied zwischen ländlichem und städtischem Leben in Hessen herausgestellt, und die teilnehmende Person muss sich digital zu verschiedenen Aspekten äußern und sich positionieren. Dieser Prozess ist im Sinne von Teilhabe und als aktive Einflussnahme auf weitere Entscheidungen der eigenen Unterbringung zu verstehen. Auf Seiten der Kommune wird die eigene Situation regelmäßig reflektiert und kann zu Evaluationszwecken verwendet und zu weiteren Gestaltung von Prozessen verwendet werden. Nicht zuletzt dient die Weiterentwicklung des Zuweisungsprozesses der Reflexion der eigenen Bedarfe und Ressourcen bei dem Geflüchteten wie auch bei der Kommune und führt zu selbstwirksamem Handeln. Es ist als Beteiligung und Teilnahme im Sinne demokratischen Bewusstseins zu verstehen.

Gibt es in anderen Bundesländern ähnliche Projekte und Vorhaben?

Neben Hessen sind Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz sowie 20 Pilotkommunen bzw. Gebietskörperschaften am Projekt beteiligt. Weitere Bundesländer waren regelmäßig als Gäste am Umsetzungsprozess zugegen.

Gab es eine Vision?

Die Vision ist es, die Zuweisung passender für die betroffenen Menschen und die Kommune zu gestalten und so Integrationsprozesse zu unterstützen, aber auch u.a. Infrastruktur in der Kommune optimal zu nutzen und zu erhalten. Es zeichnet sich ab, dass durch die Installierung eines Algorithmus zur Ermittlung eines Vorschlags für die Zuweisung einige der integrationsfördernden Faktoren einfließen könnten und in Folge darunter Sekundärmigration minimiert werden könnte.

Welche Strahlkraft kann von Hessen damit ausgehen?

Sollte es im weiteren Verlauf gelingen, dass es zu einer stärkeren Passung zwischen zugewiesenen Geflüchteten und den jeweiligen Kommunen kommt, könnten positive Effekte entstehen. Entsprechend könnte sowohl auf Seiten der Geflüchteten als auch auf Seiten der Kommune ein Mehrwert entstehen, der zu mehr Zufriedenheit auf allen Seiten führt. Kommunen könnten die Aufnahme von Geflüchteten als einen positiven Effekt für die eigene Zielsetzung und Entwicklung verstehen. (siehe auch Hintergründe weiter unten)

Könnte diese App auch bei der Zuweisung von Kindern zu Kindergärten, Altenheimen o.a. verwendet werden?

Die entstehende Passung oder der „Match“ basiert auf der Auswertung von zahlreichen Kriterien, so dass ein solcher Effekt zwar theoretisch möglich ist, aber nicht gezielt als einzelnes Kriterium verfolgt werden kann.

Hintergrund

Der Kontext Zuweisung wurde laut Rückmeldungen der Beteiligten transparenter, das Pilotverfahren bietet mehr Spielraum für Möglichkeiten des Mitgestaltens, ohne wichtige Rahmenbedingungen wie die Quote oder bestehende personelle Zuständigkeiten zu verlieren.

Es kam auch zu Effekten, die über das zentrale Projektziel hinausgehen: die Beteiligten berichten von einer Bereicherung in den Kontakten zwischen Schutzsuchenden und Landessozialarbeitenden, die zuständigen Stellen in den Behörden des Landes konnten von einer höheren Informationstiefe profitieren, wichtige Stellen konnten sich besser vernetzen und Kommunen erhielten nicht nur mehr Mitsprachemöglichkeit, sondern auch Impulse zur Selbstreflektion der eigenen Strukturen.

Schutzsuchende mit ihren Ressourcen und Bedarfen sowie Kommunen mit ihren Stärken und Herausforderungen in einem solchen Prozess von Beginn an einzubeziehen und ihre Daten systematisch in den Verteilprozess aufzunehmen, stellt einen Perspektivwechsel in der aktuellen Verteilpraxis und einen möglichen Beitrag zu einer versachlichten Debatte um die aktuelle Migrationspolitik dar.